Kontroverse Ratssitzung in Wadersloh: Mehrheit für Windkraftanlagen am Herzebrockweg
Wadersloh/Liesborn. Die geplante Errichtung von drei neuen Windkraftanlagen im Bereich Herzebrockweg im Ortsteil Liesborn hat bei der Ratssitzung am Montagabend (16.03.2026) für eine der wohl emotionalsten und zugleich bestbesuchten Versammlungen der vergangenen Jahre gesorgt. Der große Sitzungssaal im Rathaus war bis auf den letzten Platz gefüllt, zahlreiche interessierte Bürgerinnen und Bürger mussten draußen warten – nicht zuletzt auch aufgrund fehlender Übertragungsmöglichkeiten in den Vorraum, was zusätzlich für Unmut sorgte.

Großes Bürgerinteresse – aber organisatorische Defizite
Der enorme Andrang verdeutlichte bereits zu Beginn die Brisanz des Themas. Viele Besucher konnten der Sitzung zunächst nicht folgen, da weder ausreichend Platz noch eine technische Lösung zur Übertragung vorhanden war. Erst im Verlauf des Abends entspannte sich die Situation etwas, als einige Wartende den Veranstaltungsort verließen.
Kritische Fragen zu Kosten, Umwelt und Versorgung
In der Bürgerfragestunde wurde deutlich, wie tief gespalten die öffentliche Meinung ist. Die Fragen reichten von wirtschaftlichen Aspekten über Umweltfolgen bis hin zu konkreten Auswirkungen auf die Anwohner. Besonders häufig wurde die oft zitierte Zahl von rund neun Cent pro Kilowattstunde für die Stromgestehungskosten thematisiert. Kritiker wiesen jedoch darauf hin, dass dieser Wert lediglich einen Teil der tatsächlichen Stromkosten abbildet, da Netzentgelte und Betreiberkosten zusätzlich anfallen.
Auch die Frage, ob Anwohner direkt von lokal erzeugtem Strom profitieren könnten, wurde diskutiert. Skepsis blieb bestehen: Ein Beispiel ist das nahe gelegene Vereinsheim des Modellflugclubs in Liesborn, das trotz unmittelbarer Nähe zu einer bestehenden Anlage bislang nicht direkt mit Windstrom versorgt wird.
Naturschutz als Streitpunkt
Ein weiterer zentraler Konfliktpunkt war der Vogelschutz. Während seitens der Projektverantwortlichen betont wurde, dass bislang lediglich vereinzelte Kiebitze gesichtet worden seien und kein erhebliches Risiko bestehe, äußerten viele Bürger Zweifel. Insbesondere die zunehmende Präsenz von Störchen in der Region muß ein Gegenstand eines Vogelgutachtens sein. Die langfristigen Auswirkungen auf den Bestand größerer Vogelarten bleiben aus Sicht vieler Anwesender ungeklärt.
Bürgerinitiative prägt Debatte
Eine wichtige Rolle spielte die „Bürgerinitiative Wadersloh für vernünftige Energiepolitik“, die nach eigenen Angaben aus direkt betroffenen Anwohnern besteht. Die Initiative organisiert sich ohne feste Vereinsstruktur und vertritt die Interessen der Bürgerinnen und Bürger rund um das geplante Projektgebiet.
Politische Spannungen und ungewöhnliche Abstimmung

Auch im Rat selbst verlief die Diskussion nicht ohne Spannungen. Ein verbaler Schlagabtausch zwischen dem Bürgermeister Christian Tegelkamp und Ratsmitglied Dr. Klaus Blex sorgte für einen historischen Moment: Erstmals wurde in einer Wadersloher Ratssitzung ein Ordnungsruf ausgesprochen, nachdem Blex den menschengemachten Klimawandel in Frage gestellt hatte.

Im weiteren Verlauf beantragte die FWG eine geheime Abstimmung – ein ungewöhnlicher Schritt, der von vielen als politisch motiviert interpretiert wurde. Dem Antrag wurde stattgegeben.
Knappe Entscheidung für das Projekt
Das Ergebnis fiel schließlich knapp aus:
17 Ja-Stimmen standen 14 Nein-Stimmen gegenüber,
Enthaltungen gab es keine, ein Ratsmitglied erklärte sich für befangen.
Damit ist der Weg für die geplanten Windkraftanlagen am Herzebrockweg grundsätzlich frei – auch wenn die gesellschaftliche Debatte damit längst nicht beendet sein dürfte.
Hintergrund: Kosten und Verantwortung
Im Rahmen der Diskussion wurden auch wirtschaftliche Hintergründe angesprochen. So liegen die Kosten für ein umfassendes Windgutachten häufig im fünfstelligen Bereich und werden in der Regel vom Projektentwickler getragen. Auch die laufenden Wartungskosten sind erheblich und können pro Anlage zwischen 20.000 und 80.000 Euro jährlich betragen.
Für den späteren Rückbau ist ebenfalls der Betreiber verantwortlich, einschließlich möglicher Kosten für Umweltsanierungen in sensiblen Gebieten.
Fazit
Die Ratssitzung hat deutlich gemacht: Die Energiewende ist auch auf kommunaler Ebene ein hoch brisantes und emotionales Thema. Während die einen in den Windkraftanlagen einen Schritt in Richtung nachhaltiger Energieversorgung sehen, befürchten andere langfristige negative Folgen für Umwelt, Landschaft und Lebensqualität und Belastung der Gemeindekasse.
Die knappe Abstimmung spiegelt diese Spaltung wider – und lässt erwarten, dass die Diskussion um die Windkraft in Wadersloh auch in Zukunft mit großer Intensität anhalten wird.
